Sonntag, 19 Mai 2019

Interview mit David Gilmour 1995

 

Interview vom 05.06.1995 - Quelle: SPIEGEL

 

„Totales Schweigen oder Krieg“

 

SPIEGEL: Letzten Sommer haben Sie mit Vaclav Havel zu Abend gegessen, war das der Höhepunkt Ihrer Tournee?

 

Gilmour: Das war ganz schön, aber nicht der Höhepunkt. Mr. Havel ist ein sehr freundlicher Mann, und die meisten Menschen, die mit ihm arbeiten, scheinen Musiker oder Musikkritiker zu sein.

 

SPIEGEL: Haben Sie ihm politische Ratschläge gegeben?

 

Gilmour: Nein, das fände ich ein bisschen aufdringlich. Ich muss aber sagen, dass er Dinge plant, die mir Kopfzerbrechen bereiten. Er will den Kapitalismus einführen, und manchmal ist er dabei zu sorglos. Als er erzählte, wie gern er ein paar Wolkenkratzer sehen würde, wenn er aus dem Palastfenster schaut, hat mich der Horror gepackt.

 

SPIEGEL: Was haben Sie gegen hohe Häuser?

 

Gilmour: Ich mag sie nicht besonders. Vier bis fünf Stockwerke sind in Ordnung, aber bei mehr fange ich an, mich unwohl zu fühlen.

 

SPIEGEL: Ihre Tournee, die jetzt auf CD dokumentiert wird, zählt zu den erfolgreichsten der Rockgeschichte. Sie haben 1994 weit mehr als 100 Millionen Dollar eingespielt. Bedeutet Ihnen bei solchen Summen Geld noch irgend etwas?

 

Gilmour: Ich betrachte mich als Linker, aber nicht so links, dass ich gegen Geld wäre. Ich bin kein radikaler Antikapitalist. Ich verdiene ganz gern ein wenig Geld.

 

SPIEGEL: Wir reden nicht von ein wenig Geld.

 

Gilmour: Die Menge Geld, die wir verdienen, betrachte ich als obszön.

 

SPIEGEL: Wachen Sie manchmal mitten in der Nacht auf und denken: "Ich habe zu viel Geld verdient"?

 

Gilmour: Oft. Und dann versuche ich die Fassung wiederzugewinnen, indem ich aufstehe und einfach ein paar Schecks für wohltätige Zwecke ausschreibe.

 

SPIEGEL: Was macht Ihnen ein schlechtes Gewissen?

 

Gilmour: Die Summe. Obwohl, wenn man es mit dem vergleicht, was irgendwelche Bosse irgendwelcher Konzerne verdienen, dann meine ich schon, dass mir meine Millionen eher zustehen als denen. Ich habe schließlich der Welt mehr Freude bereitet als Unilever.

 

SPIEGEL: Ihre Firma heißt Pink Floyd, und sie arbeitet wie ein Industrieunternehmen. Wenn Sie auf Tournee gehen, gleicht das einer Materialschlacht, und fast jeder Artikel, der über Sie verfasst wird, beginnt mit den 49 Lastwagen und den diversen Flugzeugen, die Ihre Reiseausrüstung diesmal wieder transportieren müssen.

 

Gilmour: Mich interessieren diese langweiligen Zahlen nicht. Vor einer Tour setzen wir uns zusammen, und ich sage: Ich will Laser, ich will Quadrophonie, ich will das und das. Und am Ende sagt jemand: Sehr schön, das sind 700 Tonnen an Ausrüstung. Das kostet viel Geld. Ich hätte es auch gern billiger.

 

SPIEGEL: Es geht das Gerücht, daß Sie diesen Hochtechnologiepark entwickelt haben, um von den Musikern abzulenken.

 

Gilmour: Wir ahnten sehr früh, daß Ruhm einem Gefängnis gleicht. Außerdem war keiner von uns ein strahlender Zauberer. Mit uns vier Burschen allein auf der Bühne hätten sich die Leute schnell gelangweilt. Deshalb machten wir Pink Floyd zu einem Multi-Media-Event . . .

 

SPIEGEL: . . . und so kam es, daß ein aufblasbares Riesenschwein zum bekanntesten Star der Band wurde.

 

Gilmour: Letztes Jahr spielte das Schwein keine so große Rolle, aber die Leute mögen es, und deswegen haben wir es wieder rausgelassen. Ohne das Schwein hätten wir wahrscheinlich kein einziges Ticket verkauft.

 

SPIEGEL: Diesmal sind Sie immerhin ohne die Mauer ausgekommen, die Sie einmal aufgebaut hatten, weil Ihnen das Publikum so auf die Nerven ging. Sie haben sich offenbar entspannt.

 

Gilmour: Das Projekt mit der Mauer war eine Idee von Roger Waters, und der hat sie mitgenommen, als er Pink Floyd Mitte der achtziger Jahre verließ. Ich selbst hatte nie echte Probleme mit dem Publikum.

 

SPIEGEL: Auch nicht mit all diesen Menschen im Publikum, die über 40 sind und "We don''t need no Education" singen?

 

Gilmour: In diesem Song ging es um das autoritäre englische Schulsystem unserer Jugend, von dem ich hoffe, daß es heute ausgestorben ist. Aber Sie haben schon recht: "We don''t need no Education" heute zu singen ist nicht besonders relevant.

 

SPIEGEL: Viele Ihrer deutschen Fans sehen das offenbar anders. "We don''t need no Education" gilt als Hymne der antiautoritären Linken. Selbst an der Startbahn West sangen es die Demonstranten gegen die Obrigkeit.

 

Gilmour: Der Song wurde auch von schwarzen Schulkindern in Südafrika gesungen und prompt von der Regierung verboten. Aber auf Ihrer Startbahn West, da sehe ich nicht ganz die Relevanz. Die Leute hätten lieber singen sollen: "We don''t need no Aeroplanes."

 

SPIEGEL: Jedes Werk, das in die Welt gesetzt ist, gewinnt ein Eigenleben. Ihr Projekt "The Wall" begann auch einmal als Statement gegen Mammutkonzerte, gegen Rock''n''Roll im Stadion. Und wo wurde das Ganze dann aufgeführt? Im Stadion.

 

Gilmour: Roger Waters sagte, es handle sich um ein Werk gegen Stadion-Rock - aber, wissen Sie, als er "The Wall" schrieb, hatte er schon sechs, sieben Jahre in diesen Stadien gespielt und sich eigentlich nie darüber beklagt. "The Wall" war Rogers Story, und ihm ging es dabei um ein universelles Symbol. Die Mauern, die Menschen umgeben. Mauern zwischen sich und den Eltern. Mauern zwischen sich und der Umwelt. Mauern zwischen der Rockband und dem Publikum. Die große Entfremdung.

 

SPIEGEL: Was dachten Sie da, weggesperrt hinter Ihrer Mauer?

 

Gilmour: Ich fühlte mich als Teil einer wunderbaren Show. Bis auf den Moment, als das Ding zusammenkrachte, da bekam ich Angst, richtige Angst, auch wenn ich durch einen Stahlkäfig vor den herunterstürzenden Trümmern beschützt wurde.

 

SPIEGEL: Eines Ihrer bekanntesten Stücke heißt "Welcome to the Machine". Haben Sie jemals daran gedacht, nur noch Maschinen auf die Bühne zu stellen und als Musiker ganz abzutreten?

 

Gilmour: Wir haben uns einmal vorgenommen, andere Musiker hinauszuschicken und die unsere Arbeit tun zu lassen. Aber das blieb nur ein Witz.

 

SPIEGEL: Glauben Sie, jemand hätte den Unterschied bemerkt?

 

Gilmour: Ja, die Art, wie wir unsere Musik spielen, macht uns dann doch so schnell keiner nach.

 

SPIEGEL: Roger Waters ist da anderer Meinung. Er hält das Warenzeichen Pink Floyd für einen solchen Selbstläufer, daß er glaubt, es werde noch Pink-Floyd-Konzerte geben, wenn Sie alle längst tot sind - in 500 Jahren.

 

Gilmour: Ach, der gute alte Roger. Er hat ja "The Wall" in Berlin nachgespielt. Klang das wie Pink Floyd? Nein, es klang schrecklich.

 

SPIEGEL: Er kriegt das eben nicht so hin wie Sie mit Ihrer schönen Firma. Ein Kritiker hat einmal geschrieben: "Solange Pink Floyd alle fünf Jahre eine neue CD herausbringen und solange sie danach durch die Stadien reisen, wird keine Macht der Welt riesige Menschenmengen davon abhalten können, Tickets zu kaufen."

 

Gilmour: Pink Floyd ist keine Riesenfirma. Mehr ein Handwerksbetrieb, mit sehr wenigen Leuten, die wirklich etwas mitzureden haben. Von der Musik bis zur Visualisierung machen wir alles selbst, und wenn es dann fertig ist, geben wir das Ganze an die Plattenfirma und sagen: "Verkauft es."

 

SPIEGEL: Haben Sie diesen todschicken VW-Golf "Pink Floyd" auch selbst gemacht?

 

Gilmour: Wir haben Ideen beigesteuert. Meine war zum Beispiel, den umweltverträglichsten Motor zu nehmen, den VW bislang entwickelt hat.

 

SPIEGEL: Haben Sie neben den angeblich 20 Millionen Mark Toursponsoring denn auch eines der Autos bekommen?

 

Gilmour: Ja, aber es ist noch nicht gekommen: Man hat wohl vergessen, es mir zu schicken.

 

SPIEGEL: Vermissen Sie es?

 

Gilmour: Nicht wirklich, diese ganze Volkswagen-Geschichte hat mir ein sehr schlechtes Gewissen gemacht. Ich habe das Geld gespendet. Jetzt geht es mir besser.

 

SPIEGEL: Die großen Themen von Pink Floyd waren stets Entfremdung, Isolation, der Fluch des Geldes. Hat Pink Floyd die Welt verändert - mal davon abgesehen, daß 1989 der Bürgermeister von Venedig zurücktreten mußte, weil durch die Lautstärke eines Pink-Floyd-Konzerts denkmalgeschützte Bauten einzustürzen drohten?

 

Gilmour: Ich bitte Sie, seien Sie realistisch. Aus welchen Gründen auch immer diese Schäden am Dogenpalast entstanden, es war nicht unsere Schuld. Das Feuerwerk, das jedes Jahr genau über der Stadt stattfindet, ist viel lauter.

 

SPIEGEL: Also nicht einmal diesen Bürgermeister gestürzt. Sind Sie ein enttäuschter Träumer der sechziger Jahre?

 

Gilmour: Nach Bob Dylan glaubten wir alle, mit Pop-Musik die Welt verändern zu können, sie besser machen zu können. Und was ist daraus geworden? Nicht sehr viel. Die menschliche Natur ist eine sture Angelegenheit. Wenn sich etwas ändern soll, zum Beispiel beim Abbau rassistischer Vorurteile, dann dauert das mindestens drei Generationen.

 

SPIEGEL: Jedenfalls hat Pink Floyd eines bewirkt: Punk. Als der Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten 1975 entdeckt wurde, trug er ein zerrissenes Pink-Floyd-T-Shirt. Darauf hatte er mit gelber Ölfarbe "I hate" gemalt.

 

Gilmour: Johnny Rotten hat mir später einmal gesagt, daß er einige unserer Platten eigentlich ganz gern mochte. Aber, na klar, wir waren ein gutes Ziel, sonst hätte der Mann ja ein T-Shirt der Gruppe "Yes" zerrissen und seinen Haß drübergemalt. Es war für uns eine Ehre.

 

SPIEGEL: Als Sie in den sechziger Jahren mit Pink Floyd starteten, benutzten Sie auch die Attitüde von Rebellen.

 

Gilmour: Wir waren aufsässige Jungs, die das Establishment nicht mochten und ihre Instrumente nicht beherrschten.

 

SPIEGEL: Und dem Publikum gefiel das?

 

Gilmour: In London, ja. Die Leute waren voll mit Drogen, und sie haben alles mitgemacht. Eine Stunde Gitarrenfeedback - kein Problem, das haben sie geliebt.

 

SPIEGEL: Und außerhalb von London?

 

Gilmour: Außerhalb von London warfen die Leute mit Flaschen nach uns oder verließen das Konzert.

 

SPIEGEL: Wie lange brauchten Sie an einem guten Abend, um alle zu vertreiben?

 

Gilmour: An einem guten Abend 20 Minuten.

 

SPIEGEL: Haben Sie selbst LSD genommen?

 

Gilmour: Ein paarmal, aber LSD war wirklich nicht unser Ding, schließlich hatte der Mann, für den ich einsprang, Syd Barrett, von LSD und ähnlichen Drogen einen echten Schaden bekommen. Er war nicht mehr zu gebrauchen. Ich habe ihn seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt in einem Haus in Cambridge, geht einkaufen und wäscht seine Kleider im Waschsalon. Das ist aber auch schon alles, was er noch machen kann.

 

SPIEGEL: Was halten Sie heute von Ihren frühen Platten wie "Atom Heart Mother" und "Ummagumma"?

 

Gilmour: Ich finde sie beide ziemlich furchtbar. Na ja, vielleicht ist die Live-Seite von "Ummagumma" ganz in Ordnung, aber auch die ist nicht gut aufgenommen.

 

SPIEGEL: Und wie steht es mit "Dark Side of the Moon", dem Album, das nach seiner Veröffentlichung 15 Jahre lang in den Hitparaden blieb? Wurde ein Traum wahr oder ein Alptraum?

 

Gilmour: Was ist der Unterschied? Es war beides. Es ist schön, wenn andere Leute für einen arbeiten; es ist schön, eine Menge Platten zu verkaufen. Aber es ist nicht schön, wenn man musikalisch nichts Neues mehr ausprobieren darf, um die Fans nicht zu verstören.

 

SPIEGEL: Warum hat Roger Waters die Gruppe verlassen?

 

Gilmour: Er war unser Kopf. Roger ist ein großartiger Texter, aber als Musiker ist er nicht ganz so großartig. Ich denke, ich bin der bessere Musiker und ich schreibe die bessere Musik. Roger aber glaubte auf einmal, er sei der bessere Musiker.

 

SPIEGEL: Und er wollte Sie und die anderen nur als Angestellte weiterbeschäftigen?

 

Gilmour: Wir sollten bloß noch ausführen, was er befahl.

 

SPIEGEL: Nick Mason hat gesagt, in dieser Phase habe es nur die Alternative totales Schweigen oder Krieg gegeben. Wie standen Sie es durch - mit Hilfe eines Psychiaters?

 

Gilmour: Manchmal fuhr ich vom Studio nach Hause und brüllte und fluchte, obwohl ich ganz allein im Wagen saß. Roger war schuld. Er wollte meine Musik nicht, und er wollte meine Ideen nicht, und deshalb sagte ich: Fein, wenn meine Ideen hier nichts zählen, dann streich'' auch meinen Namen vom Albumcover; aber mein Geld für die Arbeit will ich auf jeden Fall.

 

SPIEGEL: Und er warf Ihnen Ihren luxuriösen Lebensstil vor.

 

Gilmour: Hatte er nicht dieses schöne, teure, große Haus auf dem Land, in dem er "The Wall" schrieb? Ein Haus mit jeder Menge Land drum rum, so ziemlich das beste, was es in England gibt? Aber er mußte ja den leidenden Künstler spielen! Wie soll man einen solchen Menschen verstehen?

 

SPIEGEL: War Pink Floyd damals noch eine Band oder ein Haufen von Psychopathen, die man in einen Raum zusammengesperrt hatte?

 

Gilmour: Es gab nur einen Psychopathen und drei Normale.

 

SPIEGEL: Warum machten Sie nach dem großen Krach weiter - um zu beweisen, daß es auch ohne ihn ging?

 

Gilmour: Natürlich ist das einer der Gründe. Roger wollte Pink Floyd für tot erklären. Aber soll ich aufhören, nur weil ein anderer keine Lust mehr hat? Ich sah es nicht so, sorry, und ich sehe es auch heute nicht so. Ich meine, es ist meine Karriere. Ich bin zu dieser Band gestoßen mit 23, und ich habe einen großen Teil meines Lebens in ihr verbracht.

 

SPIEGEL: Gibt es heute in der Band so was wie Freundschaft?

 

Gilmour: Mit 40 ist eine Band etwas anderes. Als Teenager hat man kein Haus, keine Familie, keinen Ort, wo man hingehört; und meistens noch nicht mal eine Bühne, auf der man spielen kann. Wir kommen heute gut miteinander aus, wie Kompagnons eben, die seit langer Zeit zusammenarbeiten.

 

SPIEGEL: Sie besitzen eine Sammlung von sechs Flugzeugen, Mason hortet Sportwagen, und Wright hat ein paar Segeljachten. Trotzdem spielen Sie gern den Außenseiter und sagen, Sie gehörten nicht zum Establishment.

 

Gilmour: Ich gehöre tatsächlich nicht dazu.

 

SPIEGEL: Sie sitzen hier in einem exklusiven Londoner Club, trinken Cappuccino für 15 Mark pro Tasse und sagen, Sie gehören nicht zum Establishment? Das ist echter Luxus.

 

Gilmour: Allerdings.

 

SPIEGEL: Mr. Gilmour, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Das Gespräch führten die Redakteure Wolfgang Höbel und Thomas Hüetlin in London.